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Louis Taubert über „The Pigeon Plan“

Skateboard Aufbauhilfe in Südafrika

Von Louis Taubert können sich so manche Skater eine Scheibe abschneiden, denn er gibt zurück. Er ist auf dem Boden geblieben und es geht ihm um mehr, als eine gewonnene deutsche Meisterschaft, Sponsoren und große Deals. Er hat einen Plan, genauer gesagt den „The Pigeon Plan“. Wie der aussieht erzählte Louis uns im Interview.

[Interview: Stefan Schwinghammer]

Louis Taubert Pigeon Plan

Hallo Louis, du warst ja 2010 das erste Mal in Südafrika. Wie hat sich das ergeben?
Also damals war es so: Ich war in Kalifornien mit Vladik [Scholz] und dann bin ich wieder nach Hause gekommen. California war nicht so richtig meins und dann habe ich mir gedacht: „Ok, ich bin jetzt gerade fertig mit dem Zivi und Abitur und ich möchte noch was anderes sehen.“ Dann habe ich mich entschieden mit Hannes [von Ankerrampen], einem guten Kumpel aus Kiel, der da fünf Jahre gelebt hat, nach Südafrika zu fliegen.

Und warum bist du dort hängengeblieben?
Weil ich einfach gesehen hab, dass in Südafrika mega das Bedürfnis besteht. Der Staat kümmert sich nicht darum, dass etwas für die Kinder gemacht wird. Arm und reich wird komplett getrennt. Die Townships sind voller Kinder, die nichts zu tun haben, nur scheiße bauen, irgendwann zu Gangstern werden und deswegen im Knast landen. Das war jetzt natürlich nicht der Hauptgrund, aber ich hab mir halt gedacht, dass Skateboarding halt ein gutes Instrument sein kann, um wenigstens ein paar Kids aufzufangen.

“Die Townships sind voller Kinder, die nichts zu tun haben, nur scheiße bauen, irgendwann zu Gangstern werden und deswegen im Knast landen”

Wann und wie hast du dein Projekt dann gestartet?
Ich wollte damals schon Boards rüberschicken. Ich habe ein paar Boards und Achsen gesammelt und gecheckt, dass es mega der Hustle ist, die Boards rüberzubekommen. Dann habe ich die Revolution Distribution kontaktiert, die ich dort kannte, weil ich noch für Enjoi und DVS gefahren bin. Die haben eine kleine Sammelaktion in den drei Skateshops, die über das ganze Land verteilt sind, gestartet. Dabei kamen so 25 Boards rum. Während der „Birdsnake Tour“ haben wir die Boards einfach so an die Kids rausgehauen und sind mit denen skaten gegangen, aber man weiß ja nicht was danach passiert. Nach der Aktion haben sich in meinem Leben ein paar Sachen geändert und ich habe realisiert, dass das für mich das coolste war, was ich jemals gemacht habe und worauf ich am meisten Stolz bin. Es gibt mir einfach mehr, als dieses nur nach außen hin cooler Skater sein, der irgendwie deutscher Meister ist oder was weiß ich – damit wird man ja schnell assoziiert. Das war auch cool und eine geile Zeit, ich will das nicht missen, aber für mich war das so, dass ich eigentlich etwas Gemeinnütziges, etwas für andere tun wollte. Dann habe ich mich dazu entschlossen 2014 ein neues Projekt auf die Beine zu stellen und das nennt sich „The Pigeon Plan“.

louis taubert

Wie genau läuft der „Pigeon Plan“ ab?
„Pigeon Plan“ ist eine Sammelaktion hier in Deutschland. Ich habe als Sinnbild eine kleine Holzbox gebaut, die mittlerweile in sechs Skateshops steht, mit denen ich zusammenarbeite. Da kann man einfach den ganzen alten Stuff reinlegen, der an unser Projekt gehen soll. Wir schrauben alles so weit es geht zusammen und schicken das dann rüber nach Südafrika. Letztes Mal haben wir es geschafft, innerhalb von einem Dreivierteljahr 100 Komplettboards zu sammeln. 100 Boards hört sich immer so easy an, aber die Achsen sind das Problem. Ich mein, wie oft wechselt man die Achsen?

In welchen Skateshops kann man die Boards abgeben?
Also wir haben Support Kiel, dann arbeiten wir neuerdings mit dem Barrio Shop Berlin und Attitude Bremen zusammen, die sind neu dazu gekommen. Wir haben den Mosaic Shop in Gießen, Sohotrightnow in München und den Pivot Shop in Köln. Jeder der Bock hat, kann seinen Krempel da abgeben.

Und wer ist sonst noch alles am Start?
Ich habe meinen Kollegen in Südafrika, der zu 100% dahinter steht und ganz viel macht, aber sich leider den Fuß gebrochen hat. Er fährt trotzdem noch regelmäßig hin und schaut nach, ob alles in Ordnung ist. Ich wollte nicht von Anfang an sagen: „Der und der ist auf jeden Fall dabei“, weil ich auch sehen möchte, wer sich wirklich von alleine einbringt, wer Lust hat zu unterstützen und in Eigeninitiative dazu beiträgt, ohne selber davon profitieren zu wollen. Kerem [Elver] ist auf jeden Fall voll am Start und Lucas [Fiederling] hilft mir dabei mega. Ich habe jetzt noch eine Anwältin, die nennt sich Jessie und hat total Bock auf den Bürokratiescheiß. Wir wollen jetzt erst mal einen Verein gründen. Kerem und ich werden wahrscheinlich im Vorstand sein. Wir werden dann für das Projekt stehen und das auch anleiten.

“Es gibt mir einfach mehr, als dieses nur nach außen hin cooler Skater sein, der irgendwie deutscher Meister ist”

Wie finanziert sich das Projekt?
Größtenteils über Fundraising. Innerhalb von vier Wochen haben wir es geschafft über betterplace.org 2.500 € zu fundraisen. Fand ich total geil, das war überhaupt nicht so, dass irgendwelche Riesenfirmen gespendet haben, um sich selbst zu pushen, sondern nur Skater oder Leute, die das Projekt cool fanden. Nach dem Clip, für den wir ein halbes Jahr gefilmt und uns den Arsch aufgerissen haben, haben die Leute uns schon so sehr vertraut und die Kohle da reingebuttert. Wenn jeder auch nur zwei Euro spendet, kann man schon etwas bewegen.



Und dann warst du kürzlich erst in Südafrika und hast zum ersten Mal die Boardlieferung rübergebracht?
Genau. Ich hab die im Januar mit einer Shipping-Firma aus Brüssel losgeschickt und gleichzeitig meine Klausuren und tausende E-Mails geschrieben. Ey ich war komplett am Ende. Ich konnte gar nichts anderes mehr machen als vor meinem Laptop zu sitzen, E-Mails zu schreiben und zu lernen. Es war echt ein Hustle, aber in Zukunft weiß ich genau, wie es abläuft, aber etwas zum ersten Mal zu machen ist natürlich immer das Härteste. Man muss auch insgesamt 25% Steuern zahlen und ich war natürlich so ehrlich und habe gesagt, dass der geschätzte Wert bei 4.500€ liegt. Das war schon nochmal eine Menge Knete, die wir erstmal bezahlen mussten.

Das heißt, du hast das privat gezahlt?
Ja, das ging nicht anders. Das lag im Endeffekt daran, dass die ITAC (International Trade Administration Commission) bestätigen musste, dass es wirklich eine Spende ist. Die haben das die ganze Zeit nicht gemacht und davon war viel abhängig, weil man danach nochmal 20 andere Formulare braucht. Es besteht immer noch die Möglichkeit das Geld irgendwie wiederzubekommen und durch eine Reise, die ich nach den Workshops gemacht habe, habe ich auch einen Typen kennengelernt, der Export- und Importgeschäfte von Autoteilen in Südafrika leitet. [lacht] Der hat sich dazu bereit erklärt, das Projekt zu unterstützen. Der hat sofort seine Buchhaltung darauf angesetzt, die ganze Kohle wieder ranzukriegen.

Und was war der nächste Schritt?
Also ich habe mir überlegt, was cool wäre und wie man das Projekt nachhaltig gestalten könnte und nicht nur die Boards an die Kids verteilt und sagt: „Hier hast du ein Skateboard“, aber auch den Charakter von Skateboarding beibehält. Wir wollten, dass sich jeder frei das Board nehmen kann, aber es auch zu den Institutionen zurückbringt.

“Wir haben morgens von sechs bis zwei die Rampen gebaut und dann die Workshops gemacht”

Wie habt ihr dann diese Idee umgesetzt?
Wir haben für jede Institution fünftägige Workshops gegeben. Am ersten Tag haben wir uns erst mal kennengelernt, haben Basics auf dem Skateboard gezeigt und, da auch jüngere Kids dabei waren, ein paar Spiele gespielt. Es war echt voll entspannt und wurde supergeil angenommen. Es war wirklich bei jedem Workshop so, dass die Kids irgendwann gesagt haben: „Free skate, wir wollen nur free skate. Scheiß auf den ganzen anderen Kram. Ich weiß schon, was ich hier auf meinem Board machen kann.“ Die haben sich dann selber was überlegt und die Rampen so hingestellt, wie sie Bock hatten und das war richtig geil zu sehen.

Das heißt, ihr habt auch Rampen gebaut?
Wir haben morgens von sechs bis zwei die Rampen gebaut und dann die Workshops gemacht. Die Rampen haben wir dann am letzten Tag mit den Boards zusammen dagelassen. Die kommen dann mit einem Rucksack oder geben ihr Handy ab und können dafür das Skateboard haben und müssen das dann zu einer gewissen Zeit wieder zurückbringen.

pigeon plan

Was waren das für Institutionen, mit denen du da zusammengearbeitet hast?
Also die Institutionen kamen von IFFEAD, der Organisation, mit der ich zusammengearbeitet habe. Das war ein Heim für Waisenkinder. Dann eine Art Jugendzentrum, die Container mit Fitnessstudio für die Kids aufbauen und halt eine geteerte Fläche haben. Und dann waren wir noch bei einer Grundschule.

Was sind die nächsten Pläne?
Als ich dort war, habe ich noch zwei weitere Institutionen kennengelernt. Ich habe Straßenkinder gesehen und sie gefragt, wo sie wohnen und die meinten: „Da unter der Brücke.“ Die haben noch erzählt, dass sie ab und zu in einer Unterkunft pennen. Ich bin dahin gefahren und habe gefragt, ob die fünf Boards haben wollen und das mal ausprobieren möchten und ob wir in Zukunft zusammenarbeiten können. Ich will im Oktober wieder runter fliegen und weitermachen. Wir haben glaube ich zehn Anfragen von irgendwelchen Kinderheimen und die haben alle total Lust mit uns in Kontakt zu treten. Ich habe das Gefühl, dass das mega geil angenommen wird und für die Kids auch was Freies und Cooles ist, was die auch brauchen. Es wäre cool, wenn sie selber Skateboarding für sich entdecken können, eine kleine Skateszene aufbauen und vielleicht sogar irgendwann einen Skatepark da bauen. Es gibt auch Leute, die Lust haben, das zu unterstützen. Schauen wir mal, wie das weiterläuft.

Viel Glück noch!

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