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Perspektivwechsel – Fisheye vs Tele Gallery

13. September 2016

“Auf keinen Fall kommen mir Fisheye-Fotos ins Heft!”, erklärte mir kürzlich ein befreundeter Magazinmacher und obwohl ich verstehe, was er meint, erscheint mir diese Einstellung doch etwas sehr dogmatisch. Speziell im Skateboarding hat die Fischaugen-Fotografie schließlich eine lange Tradition – gerade in den 90ern wurde wild damit herumexperimentiert. Gut, einige Experimente hätte man sich sparen können, aber ich fand, die Objektiv- bzw. Perspektiv-Wahl im Skateboarding sollte mal genauer thematisiert werden.

[Text: Stefan Schwinghammer]

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Es gab eine Zeit, da wollte jeder Skateboardfotograf unbedingt eine teure Hasselblad Mittelformatkamera samt noch teurerem Fischauge in seinem Rucksack haben, und alle Bilder waren so nah wie nur möglich am Geschehen dran. Skateboarding war darauf aus, extrem und spektakulär zu sein, und Fisheye Aufnahmen vermitteln eben Action.

“Es ist einfacher ein mittelgutes Fisheye-Foto zu schießen als ein mittelgutes Tele-Foto, aber schwer ein richtig gutes Fisheye-Foto zu machen”

Deshalb setzt Fotograf Daniel Wagner das Objektiv vor allem ein, „wenn ich den Spot beschummeln muss, weil man mit Fisheye den Eindruck erweckt, dass der Trick härter ist.“ Da wird auch das kleinste Curb noch zur Monster Hubba aufgeblasen und die Zweiertreppe sieht plötzlich aus wie ein unüberwindbares Doubleset. „Ich nutze das Fisheye als Notlösung“, ergänzt Daniel fast entschuldigend, „denn damit erschafft man etwas, das für das menschliche Auge gar nicht präsent ist.“

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Damit hat er bereits die Argumentationslinie des befreundeten Heftmachers auf den Punkt gebracht. Eine realitätsferne Abbildung der Umgebung voll verbogener Linien und künstliches Aufblasen des Spots, das klingt nach billiger Effekthascherei statt solider Fotografie und einen Reportagefotografen sieht man deshalb auch tendenziell eher nicht mit dem maximal konvexen Objektiv. Trotzdem hat das Fischauge gerade im Skateboarding seine Berechtigung und Florian „Burny“ Hopfensperger sieht es auch etwas anders als Daniel. Wenn es der Spot zulässt, ist das Fischauge seine erste Wahl, „weil das Bild dann dramatischer aussieht und es eine ‘in-your-face‘ Wirkung hat. Ich finde das Fisheye passt irgendwie besser zu Skateboarding. Das ist nun einfach die Skateboard-Linse.“

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Dabei lässt er auch den Einwand nicht gelten, Fischaugen-Fotografie sei simpler, alles was man tun müsse, wäre ja schließlich nah dran zu sein. „Fisheye ist leicht zu schießen, wenn man sich traut“, sagt er, „aber wenn man nicht selbstbewusst an die Sache ran geht und kein Gefühl für das Fisheye hat und dann noch durch den Sucher schauen muss, dann wird es nichts.“ Das Objektiv verlangt also durchaus nach einer geübten Hand und vor allem muss man die nötigen Cojones besitzen, um sich mitten in die Kampfzone zu begeben, wo einem die Bretter nur so um die Ohren fliegen – nicht jedermanns Sache. Auch Daniel bestätigt, „es ist einfacher ein mittelgutes Fisheye-Foto zu schießen als ein mittelgutes Tele-Foto, aber schwer ein richtig gutes Fisheye-Foto zu machen.“ Man bekommt zwar schnell Dynamik ins Bild, es ist dafür aber knifflig eine stimmige Komposition zu finden, bei der der Skater sinnig ins Bild integriert wird. Leichter ist das bei Tele-Aufnahmen: besitzt man schließlich eine schier endlose Option an möglichen Perspektiven, kann verschiedenste Elemente in das Bild aufnehmen, mit vorhandenen Linienführungen arbeiten und durch Objekte im Vordergrund Tiefenwirkung erzeugen.

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Auch Burny hat daran in letzter Zeit mehr und mehr Gefallen gefunden und ist bei der Produktion für die Bilder hier immer wieder verschwunden, bis er plötzlich aus einem Fenster im fünften Stock eines gegenüberliegenden Hochhauses wieder aufgetaucht ist. „Ich bin oft auf Häusern rumgeklettert und auf einer Helikopter Plattform. Ich bin halt so und klingel und sag: ‚Hey, ich bin der Burny, es wäre voll geil aus deinem Fenster zu fotografieren, darf ich?‘ Bei Tele muss man heutzutage einfach kreativ sein.“ Er findet allgemein, dass gerade sehr viel kreatives Potenzial in der Skatefotografie steckt. Durch den mit fortschreitender Technik immer einfacheren Zugang probieren sich viel mehr Leute darin aus und spielen mit unterschiedlichen Kameras und Ideen herum. Dabei rückt dann oftmals der Spot stärker in den Mittelpunkt und der Skater wird an den Rand gedrängt. Für Daniel kein Problem, jedenfalls solange der Trick weiter hart genug ist. „Für mich ist klar, der Trick darf nicht darunter leiden. Ich z.B. benutze bei harten Spots erst recht Tele, weil ich eben zeigen will, wie hart der in echt aussieht. Generell sehe ich die Entwicklung eher so, dass das Banger-Skaten weniger wird, das finde ich schade.“ Waren vor Jahren eher die Härte des Tricks und die technische Qualität des Fotos (Schärfe, Belichtung etc.) entscheidend, ist mittlerweile sowohl bei Trick als auch bei Bild die Kreativität der maßgebliche Punkt.

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Die Umgebung richtig zu lesen und optimal zu interpretieren ist sowohl für Skater als auch für Fotografen nun die wichtigste Maxime. Es hat eine Verschiebung von quantitativen hin zu qualitativen Gesichtspunkten stattgefunden, nach denen ein Bild bewertet wird. Skateboarding hat für viele den höher-schneller-weiter-Faktor verloren und das schlägt sich auch in der Fotografie nieder (oder möglicherweise hat die auch ihren nicht unerheblichen Teil zu dieser veränderten Wahrnehmung beigetragen). Solange das Foto ein bestimmtes Gefühl vermittelt, kann es mittlerweile auch ein unscharfer Einwegkamera Schnappschuss eines Powerslides in ein Skateboardmagazin schaffen. Während Daniel dabei gelegentlich das Fotografenherz blutet und er stellenweise eine Rückentwicklung ausmacht, sieht Burny die Sache positiv. Die Zeiten fotografischer No-Gos sind für ihn vorbei: „Heutzutage ist alles erlaubt, sogar wenn es ein Buttshot ist. Jeder hat seinen eigenen Style. Ich würde jedem raten: ‚Go crazy, probier alles aus!‘“ Auch er selbst will dabei nicht stehen bleiben und experimentiert freudig herum. Seine Hasselblad hat er deshalb mehr oder weniger eingemottet. Was Fisheye angeht, ist gerade eher wieder Hochformat angesagt, und allgemein möchte er nicht auf einen bestimmten Stil festgelegt werden. Skateboardfotografie ist glücklicherweise ständig im Wandel, denn nur durch Vielfalt bleiben Dinge spannend. Ob einem nun Fisheye oder Tele besser gefällt, kann auf diesen Seiten jeder für sich selbst entscheiden. Und nächstes Mal fragen wir dann, wie das denn mit Blitz vs. Natural Light ist…

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