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Fabian Klinnert – Skateboarding in Nicaragua

10. Oktober 2016

Schuhe ohne Schnürsenkel, drei verschiedene Wheels, weder Nose noch Tail am Brett – für Skater in Nicaragua ist das an der Tagesordnung. Es gibt schließlich nicht wirklich einen echten Skateshop und die Kohle der “Vagos” ist sowieso knapp – da wird auch mal gerne für lau bei der Oma gewohnt. Fabian Klinnert ist im Alter von 13 Jahren mit seinen Eltern nach Nicaragua gezogen und kennt die Szene genau. Er hat uns erzählt, wie Skateboarding dort abläuft.

[Interview: Nils Zoican | Fotos: Dax Castellon & Mario Collado]

Fabian Klinnert Interview

Wie alt warst du als du nach Nicaragua gezogen bist?
Ich war 13 Jahre alt. Als ich nach Nicaragua gekommen bin, meinten die Leute ich würde aussehen wie Braydon Szafranski und seitdem Zeitpunkt war mein Spitzname Szafranski.

Erzähl mal, wie ist das Leben so in Nicaragua?
Es ist das ganze Jahr über sehr heiß. Von November bis April ist Trockenzeit und anschließend Regenzeit.
Um 18 Uhr geht die Sonne unter und ab 20 Uhr gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel. Da man es zur Mittagszeit in der Sonne nicht aushält, bleiben einem nur ein paar wenig Stunden zwischen drei und sechs zum skaten. Es gibt auch kaum beleuchtete Spots die man abends skaten kann.

Wie sieht es mit Skateparks aus?
[lacht| In Managa, wo ich gewohnt habe, gibt es seit kurzem einen Skatepark, aber der Park ist eine Katastrophe. Voll die Zementverschwendung, die haben Quarters gebaut, die drei Meter hoch sind und dann noch Stufen, hinter denen direkt ein Flatrail kommt. Aber trotzdem, wenn ich dahin gehe gibt es Leute, die machen 50-50 dieses Rail runter. Der Park wurde vom Bürgermeisteramt gebaut und das sind halt Leute die nicht Skaten. In anderen Städte gibt es auch Skateparks. Es gibt da diesen einen Park der von zwei Kanadiern gebaut worden ist – das ist der beste Skatepark. Das ist eher so ein Touristen-Ding, da kann man auch schlafen. Da gibt es halt Pools, Restaurants uvm. Du kannst da auch von so einem drei Meter Turm in ein Kissen springen. [lacht]

Und wie ist die Szene in Nicaragua? Bist du immer mit einer bestimmten Crew unterwegs?
Es gibt zwar einige Crews, aber das ist nicht so entwickelt wie hier. Es Skaten eigentlich alle miteinander.

Und in welchen Verhältnissen leben die Skater?
Die meisten kommen aus sehr armen Verhältnissen. Die Skater in Nicaragua geben sich mit wenig zufrieden, die haben Schuhe wo keine Schnürsenkel mehr drin sind, haben drei verschiedene Wheels, Nose und Tail sind ganz klein – das sieht man ja hier z.B. nicht mehr. Denen kommt es nicht darauf an ob das jetzt stylisch aussieht. Als das Converse Team in Nicaragua zu Besuch war hatte Abdel sein Deck gebrochen und dann erzählte er mir dass er jetzt aufhören würde Mittag zu essen, um für ein neues Deck zu sparen. Da hat er sich ganz schön gefreut, als ich ihm das Deck von Sylvain Tognelli gegeben habe.

Fabian Klinnert Interview

Abdel Lopez

Gibt es den jemanden der besonders talentiert ist oder besonders raussticht?
Es gibt mehrere würde ich sagen. Es sind viele am Start die motiviert sind und Handrail skaten. Einen gibt es, der besonders Talent hat. Der Typ heißt Silvio Castro, der hat auch den ersten Part im “Vagos” Video. Der fährt halt viel Handrail und macht Front Feeble an jeden Rail das du ihm zeigst. Der ist 16 oder 17 Jahre alt und skatet seit drei Jahren. Das ist krass, die Skaten alle noch nicht so lange, aber für die Zeit halt richtig krass. Die haben die Schule abgebrochen, arbeiten nicht…

Einfach Schule abgebrochen?
Ja genau, die wohnen voll im Ghetto. Die haben kein Geld, keine Zukunft für die gibt es nur skaten.

Krass, aber wovon leben die?
Die leben halt bei Oma. Sein Ziel ist es irgendwie nach Europa zu kommen, er würde gerne mit seiner Freundin nach Spanien ziehen und da weiter skaten. Also er hat alles auf eine Karte gesetzt, hat gesagt ich hör auf mit Schule, ich arbeite nicht, ich gehe nur skaten. Das ist halt so ein richtiger Skaterdude…

So wie man sich einen typischen Skater vorstellt? [lacht]
Also ich glaube dass er sich am krassesten weiterentwickeln wird. Aber er ist jung und hat noch nicht seinen eigenen Style gefunden. Fährt halt einfach auf alles los, macht einfach. Es gibt da noch einen Skater, Carlos heißt der, den habe ich kennengelernt als ich nach Nicaragua gezogen bin. Mit dem habe ich angefangen zu Skaten und der ist quasi der beste Skater in Nicaragua.

“Als 13-jähriger Junge, so wie ich ausgesehen habe, konnte nicht einfach rausgehen und Street skaten, das wäre viel zu gefährlich gewesen”

Du warst also immer nur in Managua unterwegs?
Genau, also das Video das ich jetzt gemacht habe, das ist alles in Managua gefilmt.

Hat dieser Carlos Sponsoren am Start?
Ja, der fährt für den Central Skateshop. Das ist der Shop von Chico Brenes, der ist ja ursprünglich Nicaraguaner. Der ist irgendwie mit acht mit seinen Eltern nach San Francisco, irgendwie legal. Also Chico ist quasi in Amerika aufgewachsen deswegen ist er eigentlich mehr Amerikaner. Der hat nicht in Nicaragua angefangen zu skaten.

Hat der Skateshop eine große Auswirkung auf die Szene gehabt?
Also ich glaube 2008 wurde der Skateshop eröffnet, aber es steckt nicht viel Unterstützung dahinter. Der Skateshop ist halt da, aber er ist nicht wirklich mit den Skatern verbunden. Da sitzt die Cousine von Chico Brenes – die nichts mit Skaten am Hut hat – hinter der Theke, aber kann nichts über Skaten sagen. Die Preise sind unbezahlbar. Chico macht einmal im Jahr eine Demo wo er Pros aus den USA nach Nicaragua bringt, meist findet die demo dann im Skatepark der Kanadier statt, da werden dann auch Boards und alles verschenkt.

Fabian Klinnert Interview

Abdel Lopez – Ollie

Haben die dann populäre Marken am Start oder wie läuft das?
Die haben halt nur die Marken von denen Chico gesponsort wird. Also Chocolate, DVS… Also die haben nicht viel Auswahl, aber das ist quasi das Einzige was es gibt. Es gibt einen Typen, mit dem ich auch viel geskatet bin, der importiert Skateboards aus den USA und verkauft die dann. Der ist halt Skater, hat bessere Preise und ist voll in der Szene drin. Das ganze nennt sich Light Bulb Skateshop.

Ja, da habe ich auch einen Clip von dir gesehen.
Ja, der hat das auch immer auf seinem Griptape stehen. Das ist halt näher an der Szene als der Central Skateshop, da geht halt keiner hin. Nur reiche Nicaraguaner die das irgendwie cool finden und sich eine Hose für 50 Dollar kaufen. Carlos bekommt einmal ein Brett im Monat, was ja ach schon cool ist. Er ist der Einzige, der in Nicaragua Boards umsonst bekommt bzw. irgendwie gesponsert ist.

Wie kam es dazu das du der Filmer wurdest?
Es gab irgendwie keinen der Interesse am filmen hatte, also habe ich mir halt eine Kamera zum Geburtstag gewünscht.

Fabian Klinnert Interview

Und dann bist du auf Street Mission gegangen?
Also Anfangs, als 13-jähriger Junge, so wie ich ausgesehen habe, konnte nicht einfach rausgehen und Street skaten, das wäre viel zu gefährlich gewesen. Also haben mich meine Eltern immer zu dieser Schule gebracht, wo es einen DIY Park gab, und da habe ich auch Carlos kennengelernt. Irgendwann wurde die Schule geschlossen und dann bin ich Streetskaten gegangen und hab mehr Leute kennengelernt. Ich wurde älter, hab Führerschein gemacht und da hat das angefangen. Ich wusste, ich kann hier was machen mit filmen und kann die irgendwie unterstützen.

Du sagst es ist ziemlich gefährlich in Nicaragua. Fällt dir eine krasse Story ein?
Also es ist im Vergleich zu Deutschland schon gefährlich, aber im Vergleich zu anderen Länder auch wieder sicher. Man muss in manchen Gegenden schon aufpassen, aber ich hatte zum Glück noch nie irgendwas. Silvio hat mir erzählt, er ist mal von einem Mann der Kleber geschnüffelt hat, mit einer Machete überfallen worden. Er hat ihm in die Hand geschnitten und danach fast den Arm abgehackt. Er musste sofort ins Krankenhaus aber er hatte zum Glück keine bleibenden Schäden, nur eine riesige Narbe am Oberarm.

“Freunde von mir wollten ein Event machen, aber das lassen die nicht zu. Die sagen, ihr seid ja nur Vagos.”

Wie ist es mit den Spots da?
Die sind sehr rough.

Und die Leute haben nichts dagegen wenn ihr da skatet?
Man kann halt immer mit den Leuten reden, das ist jetzt nicht so wie man das hier in Europa kennt. Es gab auch Situationen wo wir Farbe mitgenommen haben und die Rails neu bemalt haben, dann war alles cool. Die Leute kennen das nicht, die sehen Skater und denken nicht, der macht hier alles kaputt oder der macht nur Lärm, sondern zeigen sogar ein bisschen mehr Interesse. Es gab eine witzige Story, wo wir Bauarbeiter gefragt haben, ob die uns ein bisschen Zement abgeben, um die Ausfahrt bei dem Rail glatt zu machen. Die meinten, klar nehmt mit, und dann haben wir den Spot einfach neu gemacht. Aber die Leute denken halt, dass man mit Skaten nichts erreichen kann, deswegen auch der Name Vagos. Vagos heißt übersetzt Nichtsnutz. So werden die Skater halt angesehen. Freunde von mir wollten ein Event machen, aber das lassen die nicht zu. Die sagen, ihr seid ja nur Vagos.

Okay Ja, wie lange habt ihr eigentlich an dem Vagos Video gearbeitet?
Zwei 1/2 Monate.

Krass, für mich kam das rüber als hättet ihr länger daran gearbeitet! Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Also ich fänd’s cool einen Skatepark zu bauen, der gut ist und auch weiterhin Videos machen, eventuell auch einen Skateshop aufmachen. Ich will einfach der Szene dort weiterhelfen, weil die so motiviert ist und mir so viel gegeben hat. Eventuell auch mit irgendwelchen Leuten aus Europa, die Interesse haben zu investieren oder irgendein Projekt zu starten. Mein Ziel ist es eine Brücke zu bauen zwischen Deutschland und Nicaragua. Nicht nur dass Leute von hier dort hinkommen, sondern auch Leute von dort hier her kommen, dass man einen kleinen Austausch hat.

Shout out geht raus an?
Ja an alle meine Homies aus Nicaragua!

Fabian Klinnert Interview

Carlos Guillen – Boardslide

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