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French Fred Interview – A different angle

26. November 2016

Select Language: Englisch

Wenn man sich die Bilder von Fred Mortagne ansieht, bekommt man sofort Lust selbst Fotos machen zu gehen, denn alles scheint so erreichbar. Er kommt ohne großes Blitzsetup oder spezielle Linsen aus, zieht nur mit seiner Leica los und verzichtet sogar auf Farbe. Im Grunde arbeitet er ausschließlich mit seinem Auge, wie auch schon um die Jahrtausendwende, als er Skateboarding ein paar bahnbrechende Videos geschenkt hat. Es scheint, die Bilder liegen bei ihm einfach so auf der Straße und er braucht sie nur zu schießen, aber so leicht ist es dann doch nicht. Jedes Detail muss exakt an seinem Platz sein, um diese speziellen Momente wiederzugeben, die er in einem Bruchteil einer Sekunde aus der Wirklichkeit herauslöst. Deshalb trägt sein erstes Buch, das dieser Tage bei Thomas Campbells Um Yeah Hearts Verlag erscheint, auch den Titel Attraper au vol (Catch in the Air). Darin versammelt eben jene Bilder, die mit minimalem Aufwand an Equipment ein Maximum an Ausdruck erzielen, einfach durch diesen speziellen Blick, den der Mann aus Lyon besitzt.

[Interview: Stefan Schwinghammer | Fotos: Fred Mortagne]

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Steeve Ramy | Varial Flip

Du machst neuerdings viel Street Photography. Willst du das künftig ausweiten?
Es ist erfrischend Dinge abseits von Skateboarding zu schießen und meinen Stil auf andere Sachen anzuwenden, nicht nur auf Skater. Ich kann nicht Hunderte von Skatefotos machen, irgendwann fangen sie an sich zu sehr zu ähneln. Es ist spannend den Skateboardansatz auf andere Gebiete zu übertragen. Wenn Skater sich eine Stadt ansehen, dann sehen sie Dinge, die andere Menschen nicht sehen.

Betrachtest du Street Photography mit den Augen eines Skateboarders, während du Skateboarding mit den Augen eines Street Photographers siehst?
Genau. Mir gefällt beides und so kann ich einen anderen Ansatz ins Skaten bringen und neuartige Bilder produzieren. Wenn bestimmte Trends im Skaten vorherrschen, neigt man dazu, denen zu folgen, weil es einen inspiriert und es alles ist, was man sieht. Da ist es gut, Geist und Augen mit neuen Dingen zu erfrischen.

Was waren deine fotografischen Einflüsse?
Ich hatte nicht wirklich klare Einflüsse, sondern mehr ein Gefühl, was ich ausdrücken und den Menschen zeigen wollte. Im Skaten machen wir Videos in einer bestimmten Weise und Magazine müssen in einer bestimmten Weise sein, weil wir uns auf die Action versteifen – aber Skateboarding hat so viel mehr als das zu bieten. Ich denke, weil ich mich beim Filmen auf die Performance konzentrieren musste, hat mir die andere Seite von Skateboarding gefehlt: die schönen Dinge. Als ich mit dem Fotografieren anfing, hatte ich keine Ahnung von Fotografie, ich kannte keine Fotografen außerhalb der Skateszene. Klar hat mich Dan Sturt beeinflusst, weil seine Fotos sich ziemlich vom Rest unterschieden und sehr progressiv und kreativ waren. Er war auf der Suche nach etwas Neuem. Er war der erste, dessen Arbeit mir gezeigt hat, dass man im Skaten auch auf andere Dinge blicken kann. In Bezug auf Street Photography lasse ich mich einfach gehen. Ich hab ein paar Ideen für Bilder, nach denen ich suche, und gehe einfach los und schaue, was mich inspiriert. Ich arbeite nach Gefühl und wenn ich was Interessantes sehe, halte ich das fest.

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Bist du vom Filmen zur Fotografie gekommen, weil du die Dinge auf eine andere Weise darstellen wolltest?
Das entstand wohl aus einer Art Frustration, denn wenn du filmst, sind die Dinge, die du zeigst, immer in Bewegung. Du kannst nicht einzelne Frames einfrieren. Während ich filmte, kamen mir Ideen für Fotos und dann sah ich zu den Fotografen und die schossen andere Bilder, hatten andere Ideen. Also holte ich mir eine Kamera, um das selbst zu machen. Ich habe immer gefilmt und fotografiert, weil ich mich nicht zwischen beiden entscheiden kann. Manchmal fahr ich voll ab auf Filmen oder bin begeistert vom Schneiden auf Musik und davon, was man mit der Footage machen kann. Aber dann fehlt mir wieder das Fotografische und ich konzentriere mich ein paar Wochen auf die Fotografie. Das ist ein ständiges Hin und Her.

Kommt es vor, dass du einen Trick sowohl filmst als auch fotografierst?
Nicht wirklich, denn das ist schwierig. Wenn ich filme, will ich die Aufnahme nicht verkacken und konzentriere mich nur darauf. Normalerweise sind auch Fotografen dabei und machen ein Foto, was auf eine Art frustrierend ist. Meistens kannst du den Skater dann nicht bitten, es noch mal zu machen. Also konzentriere ich mich aufs Filmen und wenn das rum ist, frage ich, ob er nicht einen anderen Trick machen kann. Vielleicht was Einfaches, einen Flattrick. Deshalb sind so viele Basic Tricks in meinen Bildern, weil sie für gewöhnlich am Ende der Session entstehen und ich nur fünf Minuten Zeit habe, bevor es woanders hin geht. Der Skater ist müde und ich sag dann bloß: „Mach doch schnell einen Kickflip für mich.“ Es ist immer Eile geboten. Sturt war ebenfalls Filmer und Fotograf und er ist der einzige, von dem ich weiß, dass er es gleichzeitig gemacht hat. Er zog mit Geoff Rowley los, hat eine Kamera mit Weitwinkel auf ein Stativ gestellt und dann mit Fernauslöser in der Hand gefilmt.

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Unterscheidet sich deine Arbeitsweise beim Filmen und Fotografieren bzw. wählst du andere Einstellungen?
Mittlerweile ähnelt sich das mehr als früher, denn früher hab ich Videos für Companies gemacht, denen es um Action ging. Meine Fotografie dagegen bezog sich nur auf meinen persönlichen Geschmack und nicht auf vermarktbare Gesichtspunkte, weshalb sie sich stark unterschied. Aber mittlerweile gibt es so viele Videos im Internet und da möchte man sich nicht ständig wiederholen. Deshalb hielt immer mehr von meinem fotografischen Stil in meine Videoarbeiten Einzug und so näherte sich das an. Darum habe ich auch Projekte wie Hybridation gemacht, wo ich beides mischen wollte. Ich habe eh immer versucht das so viel wie möglich zu verbinden und Stills und Animationen in die Videoaufnahmen einzubinden. Hybridation war mit einem fotografischen Ansatz gefilmt. Ich hab mich auf die Komposition konzentriert und die Kamera kaum bewegt. Es war fast wie Fotografie, nur auf Video.

Was machst du heutzutage hauptsächlich? Filmen, fotografieren, schneiden?
Das hängt von den jeweiligen Projekten ab. Ich arbeite für Element und habe in letzter Zeit viel geschnitten. Ich habe Jarnes [Verbruggen] Thrasher Part geschnitten. Hauptsächlich versuche ich jeden Tag anders zu gestalten. Ich arbeite immer an mehreren Projekten gleichzeitig, damit ich nicht in Routinen verfalle und anfange mich zu langweilen. Momentan sitze ich an meinem Buch, schneide aber auch Promo Clips, die einen Blick hinter die Kulissen geben.

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Evan Smith | Ollie

Du hast mir ja einen davon gezeigt und darin kommst du zum Spot und suchst nach der richtigen Perspektive. Arbeitest du immer so oder hast du manchmal schon eine konkrete Fotoidee?
Kommt drauf an, da gibt es keine Regeln. Bei dieser Fullpipe Session hatte ich ein Bild im Kopf und das haben wir gemacht. Aber dann hab ich weiter rumgesucht und neue Ideen bekommen, die sich als besser herausgestellt haben. Die ursprüngliche Idee war am Ende die lahmste. Manchmal habe ich eine präzise Vorstellung, wir machen das Foto und das war’s und manchmal läuft es komplett anders. Manchmal findest du am Spot eine Perspektive, aber da gibt es vielleicht noch viel mehr. Es empfiehlt sich, wenn möglich, immer noch mal zum Spot zurückzukommen. Der Plaza in Lyon zum Beispiel, an dem ich vor 20 Jahren mit Filmen begonnen habe. Im Buch ist ein Bild davon, das ich erst kürzlich von einem Gebäude runter aufgenommen habe. Daran hab ich vorher nie gedacht. Ich habe 20 Jahre gebraucht, um darauf zu kommen, an einem Spot, von dem ich dachte, ich würde ihn wie meine Westentasche kennen. Und wenn andere Fotografen an den gleichen Spot kommen, werden sie noch mal andere Perspektiven finden. Gelegentlich sehe ich ein Bild von einem Spot, an dem ich war, und denke: „Das ist echt gut, warum bin ich da nicht drauf gekommen?“ Ich war schon immer fasziniert von dem Gedanken, dass jeder von uns an den gleichen Orten unterschiedliche Dinge wahrnimmt. Es gibt z.B. eigentlich keinen Grund mehr ein Foto vom Eiffelturm zu machen, denn der wurde schon Millionen Mal fotografiert, aber man kann immer noch was Neues entdecken und auch 2016 kann man noch gute Fotos davon machen. Man muss sich nur Offenheit und Neugier bewahren.

Du sagtest ja schon, dass nicht unbedingt die härtesten Tricks in deinen Bildern zu sehen sind, trotzdem sind es großartig Skatefotos. Auf was kommt es dir bei den Bildern an?
Im Optimalfall hätte ich gerne die Möglichkeit mehr harte Tricks zu schießen, denn langsam fängt es an, dass sich Wiederholungen einschleichen, wenn ich immer nur Kickflips und Backside Flips schieße. Aber für mich hat es sich eben so ergeben. Ich war kein Vollzeit Fotograf und musste mich an die Umstände anpassen – Ende der Session, begrenzte Zeit. Aber ich fand das super, denn sowas sieht man sonst nicht in Magazinen, weil sich Skateboarding so sehr um Marketing und den Wettbewerb zwischen den Companies dreht, dass jeder der Beste sein will. Viele Jahre ging es immer nur um höher und weiter, aber das ist nicht alles. Es geht auch um Spaß und vor allem auch um Style, der ist beim Skaten extrem wichtig. Aber das vergessen wir manchmal, weil sich alles um die Action dreht. Es war nicht einfach meine Bilder in Magazine zu bringen, weil die lange Zeit nichts dafür übrig hatten, einfache Tricks zu zeigen. Es ging um die größten Stunts, die besten Tricks, was ich verstehe, aber die Zeiten haben sich geändert und das ist cool.

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Kann es zum Problem werden, wenn das Foto den Trick dominiert und in den Hintergrund drückt, einfach weil es so gut ist, dass es im Grunde egal ist, ob da noch ein Skater drin vorkommt?
Ich finde nicht, denn wenn ich ein Bild ohne Skater machen würde, würde mir was fehlen. Ich mache kaum reine Architekturaufnahmen, das ist fast schon zu einfach. Ich hab damit angefangen, um die Bilder zusammen mit anderen zu benutzen, aber für sich alleine mag ich keine Bilder nur mit einem Gebäude – mir gefällt die Interaktion zwischen Skater und Architektur. Das will ich darstellen. Deshalb gehe ich so weit zurück und positioniere die Skater klein in meinen Bildern, um zu zeigen, wie sie mit ihrer Umwelt interagieren und an Orten skaten, die nicht dafür gedacht sind. In meinen Bildern gibt es Architektur, die Umwelt und den Skater. Würde man den Skater rausnehmen, würde das die Bilder extrem schwächen. Sie sind sehr wichtig und ich mache auch nicht von jedem Skater Fotos. Ich habe die Möglichkeit mit den besten Jungs zu arbeiten, die den besten Style besitzen. Für mich ist es äußerst wichtig einen guten Skater zu haben, denn das macht einen großen Unterschied. Es geht dabei nicht um technische Fertigkeiten, sondern der Style ist ausschlaggebend. Wenn ich eine Idee für ein Foto habe oder einen Spot entdecke, dann überlege ich, wer dort am besten was machen könnte. Ich hab das Gefühl, ich bin gut darin zu wissen, welcher Skater an welchen Spot passt. Manchmal hab ich mich aber auch geirrt, dann musste ich noch mal mit jemand anderem hin, bis es gepasst hat. [lacht]

“Man muss nicht immer nur krasse Tricks abbilden”

Mit welchem Setup arbeitest du? Nur mit deiner Leica?
Zurzeit benutze ich nur die Leica und sonst nichts, keine Blitze. Ich kann damit alles machen, was ich brauche. Ich bin bei Fotografie nicht so der Technik-Fachmann. Lange Zeit war ich nur ein Amateurfotograf und hab das neben dem Filmen gemacht. Ich war vom Können her auf einem anderen Level und musste deshalb einen komplett neuen Ansatz finden. Ich hätte eh auch keine Blitze mitschleppen können, weil ich schon genug Equipment dabei hatte und ich nicht die Zeit gehabt hätte, sie immer aufzubauen. Daraus ist das entstanden, aber es passt auch zu mir, weil ich natürliches Licht mag und gar nicht weiß, wie man Blitze so aufstellt, dass es gut aussieht. Ich beherrsche die Basics, aber ich bin nicht gut darin, also mach ich lieber meinen eigenen Kram.

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Und warum hast du dich für schwarz-weiß entschieden?
Lange Zeit hab ich auch Farbfotos gemacht, aber irgendwie bin ich immer mehr zu schwarz-weiß gekommen, weil es den ausdruckstärksten Look hat. Es hat auch gut zu meinen Kompositionen gepasst und dem Stil, den ich angestrebt habe. Mir gefällt schwarz-weiß einfach und es gibt den Bildern einen künstlerischen Look. Es zieht dich aus der Realität und ich versuche surreale und strange Szenerien zu kreieren. Würde ich Farbe benutzen, wäre da eine zu starke Verbindung zur Realität, die eine geistige Reise unterbinden würde. Und es ist zeitlos. Von einigen Bildern kannst du nicht sagen, wann sie aufgenommen wurden. Als Kind war ich fasziniert von Schwarz-Weiß-Filmen. Wenn man sich die alten Schinken ansieht, ist es hart sich vorzustellen, dass die Realität wie heute war. Als Kind dachte ich, das Leben um 1900 wäre schwarz-weiß gewesen. Mit meiner Fotografie kann ich etwas leicht Befremdliches erschaffen, das nicht wirklich real scheint.

Wie ist die Idee zum Buch entstanden?
Ich hab schon lange darüber nachgedacht, wusste aber, dass ich es nicht alleine umsetzen kann. Ich hatte Angebote von unterschiedlichen Leuten, die ich aber nicht kannte, deshalb war ich mir nicht sicher und habe auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Dann hat Thomas Campbell mich vor zwei Jahren angesprochen und ich dachte: „Das ist jetzt der richtige Zeitpunkt!“ Ich respektiere ihn sehr und bewundere seine Arbeit.

Wie war das Arbeiten mit ihm?
Ich hab ihm blind vertraut. Wir haben gemeinsam eine erste Bildauswahl getroffen und versucht Layout-Ideen zu finden. Ich hab ihm gesagt, was mir gefällt, auch wenn ich nicht wirklich Ahnung von Grafikdesign habe. Wir haben eine grobe Richtung vorgegeben und er hat dann das Layout mit einem seiner Design-Freunde gemacht. Ich war an einigen Stellen vom Layout und der Bildauswahl überrascht, aber er hat mir seine Ideen und den Flow des Buches erklärt und es war völlig einleuchtend. Für ihn ist der Lesefluss sehr wichtig. Wenn du ein Buch durchblätterst, verstehst du vielleicht nicht alles, aber die Dinge sind auf bestimmte Art angeordnet und es fühlt sich richtig an, auch wenn du nicht sagen könntest warum. Er hat mir gesagt, dass er Probleme hatte ein passendes Layout zu finden, weil er meinte: „Deine Bilder sind so kraftvoll, wir können die nicht alle reinnehmen und wir müssen sie mit anderen Bildern mischen, sonst explodiert einem der Kopf, wenn man das Buch durchblättert.“ Deshalb hat er Bilder mit reingenommen, die ich gar nicht auf dem Zettel hatte, aber sie erzeugen eine gewisse Leichtigkeit zwischen sehr schweren Bildern.

Es braucht immer Sideshots, um die richtige Stimmung zu erzeugen.
Ich denke, beim Skaten haben wir eine falsche Vorstellung und glauben, um über Skateboarding zu sprechen, müssten wir auch Skateboarding zeigen. Das stimmt aber nicht. Man muss nicht immer nur krasse Tricks abbilden.

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Sammy Winter | Frontside Flip

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