Solo

Behind Blue Eyes – Internetz des Todes

12. September 2015

Zum Einstieg hat Pat Lindenberger sich in seiner Kolumne mit Olympia beschäftigt, diesmal gibt es einen nicht weniger mächtigen Gegner: das Internet und seine Auswirkungen.

Pat Lindenberger – Behind Blue Eyes

Die Präsentation von Skateboarding in Zeiten des Internets

Youtube vs. VHS oder Massenproduktion gegen Fachhandel?

Online vs. Print, Gut gegen Schlecht, David gegen Goliath, Masse gegen Klasse?

Das sind Stichwörter die mir sofort in den Kopf schießen, wenn ich mir Gedanken über unsere momentane Medien- und die dazugehörige Lebenssituation mache. Ich bin sicherlich keiner, der “Früher war alles Geiler”-Skater meiner Generation, die sich immer noch nach den tollen Zeiten auf dem World Cup in Münster sehnen, nein, denn ich skate und lebe jetzt, und feiere das ohne die Vergangenheit schlecht zu machen, aber ich lobe nichts in den Himmel, denn wie Phil Anselmo sagte: “What´s gone is gone and done, so why cry?”

Auch mag ich die Instaclips und hätte alles dafür gegeben, die Footy aus meiner Kindheit zu filmen und zu haben, aber so war es nun mal nicht. Was mich nervt ist der Werteverfall, dieses zack und weg, das nicht in der Hand haben von Dingen wie Musik, Videos und Magazinen. Ein Bild in einem Mag ist doch 1000 mal derber, als auf einem Computer, da kann mir keiner was anderes erzählen. Und ein guter Videopart ist zeitlos, den schaut man sich 1000 mal an, egal wie und wo! Ist das unsere Zeit? Ein Werteverfall? Eine Zeit, in der jemand mit einem Youtube Kanal das 100-fache einer Krankenschwester verdient, obwohl er keinem hilft, nichts zur Gesellschaft beiträgt? Ja, so ist es.

“Ich kann und will gar nicht hinterher kommen, und fühle mich auch teilweise schuldig, aber ich schaffe es einfach nicht, denn das Meiste ist leider unnötig! Da denke ich mir: Wow, drei Minuten meines Lebens einfach weg”

Für mich ist es schwer, denn ich bin mit “richtigen” Videos aufgewachsen, damals kamen pro Jahr maximal zwei davon raus, die waren allerdings bahnbrechend, haben das Rad neu erfunden, nicht zu fassen was da drin los war. Die VHS wurde so oft geschaut, bis das Band flimmerte. Dropbox, WeTransfer und Kollegen gab es noch lange nicht, es mussten Raubkopien gemacht werden und von Kopie zu Kopie wurde die Qualität schlechter. Aber das hat uns nicht gejuckt, denn Hokus Pokus war unser Leben, wurde vor jeder! Session geguckt und bis auf das kleinste analysiert. Was fährt denn Matt Hensley für Achsen? Was war das für ein Shove-It? Der Soundtrack wurde vom Band inklusive Skategeräusche auf Tape gebannt und im Auto auf dem Weg zur Session gehört. Was auch sonst? Ihr könnt euch das wahrscheinlich nicht vorstellen, dass man nichts mitbekommt von seinem favorite Pro, kein täglicher Videopost auf Insta – Nichts. Alles wurde damals in einem Video zusammengefasst und für heilig gesprochen. Daran gab es nichts zu rütteln, aber die Zeiten ändern sich.

Im Gegensatz dazu kommen heutzutage jeden Tag gefühlte 20 Clips raus, und werden einem links und rechts um die Ohren gehauen, dass man gar nicht hinterher kommt, und das auch gar nicht will. Aber warum? Soll das heißen, dass die heutzutage viel mehr und in der Relation viel krasser skaten? Waren die Jungs früher faul? Nein, es ist lediglich einfach und billig einen Clip zu machen, und per Knopfdruck wird der dann in die Galaxy gebeamt. Ich kann und will gar nicht hinterher kommen, und fühle mich auch teilweise schuldig, aber ich schaffe es einfach nicht, denn das Meiste ist leider unnötig! Da denke ich mir: “Wow, drei Minuten meines Lebens einfach weg”. Aber es gibt natürlich auch sehr gute Webclips, richtig gute Parts, einer VHS mehr als würdig, aber wieso schaut man den Clip nicht zum tausendsten Mal? War der schlecht? Nein! Er wurde nur von schlechten, herzlosen und mit beschissener Mucke unterlegtem Kack runter gedrückt und taucht nie mehr auf. Zack, weg ist er, verschwunden in der Unendlichkeit dieses Internetzes und weg vom Radar.

Overkill.

Danke, für die langweiligen Clips von unnötigen Companys, die mir schon fast die Freude nehmen, aber nur fast, denn ich bin trotzdem der größte Fan und freue mich über derbe Clips, aber noch viel mehr über richtige Videos. Also Danke an dieser Stelle an Josh Stewart, Lucas Fiederling, Greg Hunt, Jonathan Peters und Kollegen, dass ihr die Fahne hoch haltet und Videos mit Herz und Seele macht und mich weiterhin stoked. Und die clipgeilen Medienseiten, die jeden Scheiß posten, sollten doch bitte zweimal überlegen ob man das wirklich teilen muss und einem damit die Mittagspause und die Laune verderben – das wäre zauberhaft.

All hail VHS!

Go top